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Reisebericht von Frau Dr. Edelgard Fischer-Dinani
Anästhesistin am UK Aachen
Pakistan 23. April – 7. Mai 2006
Am 23.04.2006 landeten wir in den frühen Abendstunden in Islamabad und machten gleich Bekanntschaft mit der von der Sonne überfluteten Stadt. Dank eines einflussreichen Beamten, dessen Neffe in der Umgebung von Aachen lebt und mit uns im Team als Dolmetscher fungierte, blieb uns die üblicherweise stressige Zeit am Zoll erspart und wir erlebten einen herzlichen Empfang.
Islamabad, die Hauptstadt von Pakistan hat 2.360.000 Einwohner. Hier befinden sich3 Universitäten sowie Akademien für Wissenschaft und Literatur.. In einem Hostel des Pakistan Institute of medical sciences (PIMS-Hospital) waren wir untergebracht, wo wir auch bevorzugt erdbebengeschädigte Patienten behandelten.
Das PIMS ist ein staatliches 1000-Betten Klinikum mit universitätsähnlichem Charakter und einer berühmten Kinderklinik, die ein großer Anziehungspunkt ist.
Bereits im November 2005 – kurz nach dem Erdbeben – hatte unser Teamleiter Dr. Ghassmi mit dem PIMS Kontakt aufgenommen und dort eine Woche operiert.
So wurden wir am nächsten Morgen vom ärztlichen Direktor Prof. Anwar offiziell begrüßt und waren somit berechtigt am Hospital zu arbeiten.
Unser nächster Weg war das Camp, wo unsere Unfallchirurgen mit Hilfe der dort verantwortlichen Sozialarbeiter ca. 50 auf uns wartenden Patienten vorgestellt bekommen, darunter eine große Anzahl von Kindern.
Dieses Camp wurde noch mit internationaler Hilfe aufrechterhalten, viele andere Camps waren inzwischen aufgelöst. Der größte Teil der Patienten wartete auf irgendwelche Empfehlungen physiotherapeutischer Maßnahmen bei völliger Muskelverschmächtigung oder einfach auf die Beurteilung eins Röntgenbildes und möglicher Entlassung aus dem Camp, nur wenige Patienten konnten wir letztendlich für unsere OP-Planung aussuchen und zum PIMS bestellen.
Noch am gleichen Tag fuhren wir mit unserem Gesichtschirurgen und Teamleiter Dr. Ghassemi , dem seinerseits im PIMS 20 Patienten zur operativen Versorgung vorgestellt worden waren, nach Abbodebad, drei Stunden von Islamabad entfernt, das vom Erdbeben mit betroffen war. Dort war er mit einem Chirurgen verabredet, der eine kleine private Klinik leitet und mit dem er in schriftlichem Kontakt stand. Herr Dr. Khattak hatte Vorbereitungen für gesichtsrekonstruierende Operationen sowie plastisch-chirurgische Operationen getroffen.
Spät in der Nacht kamen wir in unsere Herberge im PIMS zurück, teilten dort unsere Instrumente, Nahtmaterial und Narkosezubehör für zwei Teams auf und machten uns am nächsten Tag (es war bereits Dienstag) auf verschiedene Wege.
Wir verabschiedeten unsere Kollegen nach Abbotabad und wünschten Ihnen viel Erfolg. Wir „Zurückgebliebenen“ machten uns erst mal an die Arbeit, im PIMS einen Operationssaal zu „mieten“.
Und das war gar nicht so einfach, denn vormittags waren die Säle sämtlich besetzt, da die Operateure gewöhnlich nur zwischen 8 und 12 Uhr im PIMS arbeiten und nachmittags in Privatkliniken tätig sind.
So konnten wir mit unseren Patienten erst nachmittags starten, so dass wir uns bis spät in der Nacht in der Klinik aufhielten.
Ein abschließbarer Raum, wo wir Instrumentenboxen und Narkosezubehör aufbewahren konnten, wurde uns trotz ständigem Fragen und Bitten nicht genehmigt. So mussten wir ca. 10 Kisten zurück ins Hostel und morgens wieder retour zum Krankenhaus schleppen. Es war sehr mühselig bei Temperaturen von 35 – 40 ° Celsius und zwischendurch wussten wir manchmal nicht, ob sich das Unternehmen lohnte.
Als wir dann plötzlich, mit Hilfe von Prof. Anwar und Dr. Isse, einem sehr engagierten Arzt aus den Bergen, Kontakt mit einem Kinderhospital aufnehmen konnten, wo uns ein kleiner ambulanter Eingriffsraum zur Verfügung gestellt wurde, waren wir erfreut. Jedoch unsere Utensilien – und das war aufgrund des unfallchirurgischen Instruments nicht wenig – mussten wir nach wie vor vom Hospital nach Hause und am nächsten Tag zurück schleppen. Unserem OP-Pfleger Thomas und den beiden Unfallchirurgen, die unermüdlich sterilisierten und Instrumente wieder ordnen, gebührt des wegen großen Respekt.
Schließlich machten wir Bekanntschaft mit dem Klinikdirektor des Kinderhospitals Prof. Abassy, welcher uns einige Kinder mit üblen Epicondylären Frakturen und sonstigen Traumen vorstellten und rochen Morgenluft. Es machte einfach Spaß, die kleinen Patienten zu versorgen und unsere Unfallchirurgen haben sich durch ihre Arbeit sichtlichen Respekt erworben, dass uns plötzlich einige Erleichterungen zuteil wurden.
Jetzt durften wir unsere Kisten zum Teil im OP abgeschlossen stehen lassen und konnten uns auch mal ein heißes Getränk zubereiten. Und als der nagelneue Bildwandler von Siemens nicht funktionstüchtig war, wurde sofort ein Elektroingenieur von draußen geholt.
Am Freitagabend, dem eigentlichen Feiertag im Islam, standen Thomas und ich abends um 23 Uhr am Hospitalausgang und warteten auf den Transport für unsere Boxen. Wir hatten den Nachmittag im PIMS durchgearbeitet, da wir an diesem Tag problemlos einen freien OP hatten. Die Luft war drückend heiß, Abkühlung war erst später zu erwarten. Ein voll bepacktes Auto nach dem anderen kam am, alte Menschen wurde in die Notaufnahme gebracht, manchmal sahen sie bereits aus, als wäre nicht mehr viel Leben darin. Es war keine Hektik und keine Unruhe in der Menschentraube. Alle kamen der Reihe nach dran, keiner wurde bevorzugt oder wegen Dringlichkeit zuerst dran genommen. Es waren ur 2 Ärzte im Notdienst und man hatte das Gefühl als strömten immer mehr Menschen herein.
Im Aufwachraum vor dem Operationstrakt lagen die Patienten und warteten auf Operationen, ein junger Mann mit einer Bauchstichverletzung, ohne Verband und ohne Infusion, Schädelverletzungen ohne Monitoring – eine einzige Anästhesistin und ein Narkosepfleger im Dienst. Thomas sagte nur, da solle sich einer bei uns noch mal beklagen, dass wir im Dienst überlastet sind…
Ein Arzt von der Intensivstation rannte auf uns zu und bat uns inständig, einem 17-jährigen jungen Mann mit 30 % Verbrennung zu behandeln, der seit drei Tagen unversorgt auf der Intensivstation lag.
Kreislauf- und Entzündungsparameter drohten im Rahmen einer Sepsis zu entgleisen. Wir haben den Patienten gesehen und es war höchste Zeit für eine Operation im Sinne von Nekrosenabtragung. Der leitende Anästhesist, der sich längst außer Haus befand, ließ uns aber ausrichten, er wolle den Eingriff selbst in den nächsten Tagen in die Hand nehmen, wir bräuchten uns nicht zu kümmern. Zwei Tage später war der junge Patient verstorben.
Unsere Unfallchirurgen besuchten am Ende der ersten Woche nochmals das Camp der Erdbebengeschädigten in Islamabad und machten bis spät in die Nacht bei den sehnlichst wartenden Patienten Sprechstunde und gaben Ratschläge und verordneten Medikamente.
Das Wochenende verbrachte unser Team in der Hauptstadt der Punjab, Lahore, einer der kulturträchtigsten Städte, die uns je zu Augen gekommen ist. Wir durften uns in der Großfamilie unseres pakistanischen Begleiters, der aus Lahore stammt, wohl fühlen und erholen.
In der zweiten Woche sollten unsere beiden Teams wieder aufeinander treffen, einige kleine Patienten im Kinderhospital warteten bereits auf die Versorgung durch unseren Gesichtschirurgen Dr. Ghassemi.
Das unfallchirurgische Team fuhr nochmals fünf Stunden lang hoch ins Kaschmirgebirge nach Muzafarabad mitten im Erdbebengebiet. Die Fahrt war beschwerlich, aber man konnte schließlich mit dem dortigen Militärhospital und dem AIMS-Hospital, das vom GTZ unterstützt wird, Verbindung aufnehmen. Durch Mitwirken des Militärs konnten wir dann einige Patienten mit Osteomyelitis helfen, rechtzeitig zur operativen Versorgung nach Islamabad gebracht zu werden. Sowohl der Colonel des Militärhospitals als auch der ärztliche Leiter des AIMS-Hospitals in Muzafarabad Dr. Bashir u Remen waren an unserer Arbeit sehr interessiert und bestätigten, dass es noch etliche versorgungsbedürftige Patienten als Folge des Erdbebens in den Bergen der Region gäbe, die man ausfindig machen und informieren müsse, wenn man den genauen Einsatz der „German Doctors“ kenne. Die Tage mit unserem Teamleiter und Gesichtschirurgen waren dann noch sehr arbeitsreich, den Prof. Sahur aus der Abteilung Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie hatten noch bis zu unserem Abflug eine Menge Patienten zur operativen Versorgung geplant.
Im Kinderhospital wartete die kleine 9-jährige Kamrun, die von einem Traktor überrollt worden war, auf die Operation durch Herrn Dr. Ghassemi, die wahrscheinlich ohne seine Hilfe keine Chance gehabt hätte. Unsere Unfallchirurgen hatten bereits einige Tage zuvor bei dem Mädchen einen Oberarmbruch versorgt. Jetzt galt es noch die zerfetzten Kopfschwarten Kopfschwarten plastisch-chirurgisch mit einem Hautlappen zu decken. In einer 8-stündigen Operation ist dies gelungen. Das Mädchen fragte am nächsten Morgen beim Verbandswechsel zutraulich, woher wir den kämen und war überglücklich.
Das Ärzteteam der Zahn-, Mund- und Kieferchirurgie um Prof. Sahur war sichtlich froh, mit einem auswärtigen Spezialisten zusammen arbeiten zu können. Entsprechend wurden uns auch die internen Umstände, wie OP-Saalmiete und Einlagerung unserer Materialboxen etc. erleichtert. Die letzten Stunden in Islamabad verbrachten wir hoch oben in einem Bergrestaurant, von wo aus man auf die berühmte Faisalmoschee inmitten eines Lichtermeers der Stadt hinunter schaut. Prof. Anwar und Prof. Sahur dankten dem Team und legten uns zum Abschied die landesüblichen bunten Tücher der Sind´s um die Schultern.
18. Mai 2006
Edelgard Fischer-Dinani
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